„Ein Warlord als Türsteher zur Hölle“

Die EU zahlt und rüstet einen libyschen Warlord als „Küstenwacht“ aus, um Flüchtlinge von Europa fernzuhalten.

Der Reporter Michael Obert war in der Nähe von Tripolis unterwegs mit hochbewaffneten, selbsternannten Milizen, die mit aufgerüsteten Küstenkontrollbooten tausende Flüchtlinge aus den Booten der Schlepper holen und zurück in libysche Lager zwingen. Im Auftrag der EU.

„ttt – titel, thesen, temperamente“ eröffnet so den Beitrag im Ersten vom vergangenen Sonntag um 23:05 Uhr. Die Bilder sind schwer erträglich, die Story ist es noch mehr. An Ihnen zu entscheiden, ob Sie sich das zumuten wollen: Hier, via Präsenz von „ttt“ oder in der Mediathek, wo der Film nach Auskunft des Senders bis 9.7.2018 verfügbar bleiben wird. Oder sollten: „Wir haben von nichts gewusst“, gilt schon lange nicht mehr.

[Editnote 19.07.: Irgendwann um den 17. Herum ist der filmische Beitrag von der ARD entfernt worden. Seitdem wird auch der Gesamtbeitrag zur Sendung nur noch gekürzt angeboten. Übrig geblieben ist auf der Präsenz des öffentlich-rechtlichen Senders die Story als grob zusammenfassender Text. Das Netz aber vergisst nicht so schnell, das Video ist neu verlinkt]

Beitragsbild: Abdurahman Salem Ibrahim Milad, genannt Al Bija, Screenshot
Advertisements

5 Gedanken zu “„Ein Warlord als Türsteher zur Hölle“

  1. Hier „gefällt mir“ zu klicken, reizt zum Brechen – ohne würde Ihr Blog nicht in meiner Readlist auftauchen. In der Tat: „Wir haben von nichts gewusst“, gilt schon lange nicht mehr.

    Gefällt mir

    1. Das ist leider wie das „Herzchen“ bei Twitter. Ich beziehe es auf den Mut und den Verdienst von Personen wie Obert oder Gatti und von Tausenden humanitären Helfern, die ein hohes persönliches Risiko eingehen.

      Gefällt mir

  2. Heute Karikatur auf der ersten Seite der in Rom erscheinenden Tageszeitung Il Fatto Quotidiano, Innenminister Marco Minniti abbildend, der libysche Bürgermeister zur Aufnahme von Flüchtlingen bewegen will (siehe „Flüchtlinge: Italien plant Abkommen mit libyschen Bürgermeistern“):

    „Libyen – Migranten werden ausgeraubt, gefoltert, vergewaltigt, getötet:
    ‘Wir verlangen von den Libyern größere Anstrengungen!‘“

    Gefällt mir

  3. Üblicherweise mache ich keine Werbung für Pay-Content, diesmal schon für: „Die Menschenfänger“ von Michael Obert, SZ-Magazin vom 8. Juni 2017.

    „[…] Al Bija und seine Männer bringen die Afrikaner, die sie in den Booten der Schlepper auf dem Mittelmeer abfangen, in spezielle Lager der UN-gestützten Einheitsregierung – wie es die EU im Abkommen von Malta künftig in ganz Libyen plant. Im Surman-Camp, eine halbe Autostunde westlich von Zawiya, kauern in einer Halle mit rostigen Fenstergittern mehr als 200 Frauen am Boden, viele mit Babys. Ihre Knie haben sie an die Brust, die Kopftücher vor das Gesicht gezogen, die Augen starr auf ihre Füße gerichtet. Niemand wagt, sich zu bewegen. Nicht das leiseste Flüstern ist zu hören.

    Erst als der Wächter, ein Mann in Tarnuniform mit verwahrlostem Bart, geröteten Augen und Alkoholfahne, kurz hinausgeht, nimmt eine junge Frau ihren Mut zusammen, um mit uns zu sprechen. Sie sei aus Nigeria und seit mehr als zehn Monaten im Surman-Camp gefangen, ohne Kontakt zur Außenwelt. Niemand wisse, wo sie sich befinde, ihre Familie glaube sicher, sie sei tot.

    Sie geht vor uns in die Knie, faltet die zitternden Hände. „Sie vergewaltigen uns!“, flüstert sie und zeigt uns ihre Arme. Sie sind mit blauen Flecken bedeckt, die Abdrücke einzelner Finger erkennbar. „Helft uns! Bitte!“ Sie hebt ihr Tuch. Ihr Trainingsanzug ist zwischen den Beinen bis zu den Knien mit Blut verschmiert. Wer hat das getan? „Alle von denen. Nacheinander.“

    Der Wächter kommt zurück. Sie verstummt und sieht uns flehend an. Wir spüren Ohnmacht. Wir können nichts für die Frauen tun. Im Gegenteil: Ein falsches Wort von uns, ahnen wir, und sie müssten dafür bezahlen. Vielleicht mit dem Leben […]“

    Zur Rolle des Warlords Al Bija:

    „[…] Drei Jahre hat Al Bija in Berlin verbracht. In Deutschland sei er überall respektvoll behandelt worden. „Und die deutschen Frauen“, sagt er: „Wunderschön!“ Mit unserem Übersetzer spricht er Arabisch, sein Deutsch hat er verlernt. Aber an ein Wort erinnert er sich noch. „Bruder“, nennt er uns und klopft uns auf die Schulter.

    Warum ist er nicht in seiner kleinen Wohnung am Ernst-Reuter-Platz in Berlin-Charlottenburg geblieben? Warum kehrte er im Sommer 2015 zurück in ein Land, das inzwischen im Bürgerkrieg versank? „Vater, Mutter“, sagt Al Bija. „Familie, Clan, Stamm.“ In Libyen könne man sich nicht einfach aus dem Krieg verabschieden, es gehe um mehr als um das eigene Leben: „Verantwortung, Ehre.“

    Doch gegen Al Bija werden schwere Vorwürfe erhoben. Zurück in der Kommandozentrale lesen wir vor, TRT World, eines der führenden türkischen Nachrichtenportale mit Sitz in Istanbul, vom 22. Februar 2017: „Al Bija ist der größte Player in der Mafia der Küstenwache, die das lukrative Geschäft des Menschenschmuggels in Zawiya und der umliegenden Küstenregion fest im Griff hat.“ […]“

    Die Passagen sind nur ein kleiner Teil eines Long-Reads, dessen Zumutungen wesentliche Teile sind zu einem Mittelmeer, das zum best bewachten Massengrab der Menschheitsgeschichte gemacht worden ist.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s